Bürosituation. Ich möchte den Kalender, den mein Kollege für mich frei gegeben hat, einsehen. Wie binge ich Microsoft Outlook dazu den Kalender anzuzeigen? Man klickt in der Menüleiste auf Extras. Dann im Dropdownmenü auf E-Mail-Konten…. Es erscheint eine Art Assistent. Dort muss man den Radiobutton auf Vorhandene E-Mail-Konten anzeigen oder bearbeiten setzen und auf Weiter > klicken. In der Auflistung seiner E-Mail-Konten, die dann folgt, wählt man sein Exchange Profil aus und klickt auf Ändern…. In den Exchange Server-Einstellungen muss man auf Weitere Einstellungen… klicken. Sie können mir noch folgen? Weiter geht’s. Wir sind gleich am Ziel Es erscheint ein weiteres Fenster mit vier Karteikarten. Wählen Sie die Karteikarte Erweitert. Dort dann nur noch auf Hinzufügen… und Sie kommen zu einer Suchmaske. Hier können Sie das Postfach Ihres Kollegen suchen und hinzufügen. Fertig.
Diese kurze Anleitung verdeutlicht das Usabilty-Konzept von Microsoft Office. Office ist ein über die Jahre hinweg gewachsenes Feature Monster. Jede Version bringt neue Funktionen, die irgendwie in das vorhandere User Interface gepresst werden. Furchtbar.
Ubuntu Linux installiert als Office Lösung standardmäßig Open Office und Evolution. Beide Programme wurden als direkter Ersatz für Microsoft Office programmiert. Nutzerführung und Funktionalitäten orientieren stark am Redmonder Vorbild. Das ist eine zweischneidige Strategie. Einerseits vereinfacht es den Nutzern den Umstieg auf Linux. Ohne Open Office kein LiMux (Linuxprojekt der Stadtverwaltung München). Auf der anderen Seite: Open Office und Evolution sind leider nicht die nutzerfreundlichsten Programme.
Für diesen Beitrag hier habe ich mich auf die Suche nach Alternativen zu Evolution gemacht. Ich komme mit dem Linux Outlook-Klon nicht gut zurecht. Evolution ist ein Rahmen für fünf miteinander verzahnte Programme: Mail, Contacts, Calenders, Memos, Tasks. Das Nutzer-Interface wechselt je nach Aufgabenstellung. Ein Klick auf Calenders und die Mailansicht verschwindet. Eine solche Funktionsweise ist naheliegend – gleichzeitig verwirrt sie den Nutzer. Wenn ich in Evolution Mail auf den Contacts klicke wechselt der komplette Fensterinhalt. Neue Menüleiste, neue Werkzeugleiste, neue linke Spalte, neue rechte Spalte. Das einzige, was sich nicht verändert, ist das Fenster selbst. Es bleibt in Position und Größe unverändert. Nur zum Vergleich: Das Thunderbird Address Book ist ein eigenständiges Programm. Es öffnet sich in einem neuen Fenster. Ich bin ja ein Fan der räumlichen Dateiverwaltung. Das bedeutet kurz gesagt: Jeder Datei-Ordner wird durch genau ein Fenster repräsentiert und dieses Fenster öffnet immer an exakt derselben Position. Genauso sollten sich auch Anwendungen verhalten. Ein Programm gleich ein Fenster – und jedes Programmfenster merkt sich Größe und Position.
Neben dieser grundsätzlichen Kritik stören mich auch ganz konkret ein paar Dinge an Evolution. Da ist zum einen der gedankenlose Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Platz auf dem Bildschirm. Ohne den Fensterrahmen mitzurechnen benötigt Evolution 116 Pixel Platz für Steuerelemente. Erst ab Pixel 117 beginnt die erste Mail. Mein Laptop hat eine vertikale Auflösung von 600 Pixel. Das sensibilisiert für Platzverschwendung im User Interface. Bei einem E-Mail Programm dreht sich alles um die Liste mit den E-Mails. Auf diese Liste sollte der Focus eines User Interfaces liegen. Da stören zum Beispiel auch die Zwölf Icons in der Werkzeugleiste. Ganz im Ernst, man braucht doch nicht zwölf Funktionen im ständigen Zugriff! E-Mails abholen, Neue E-Mail, Antworten, Weiterleiten, Löschen, Junk. Fünf Funktionen reichen. Ich brauche keine Up/Down-Knöpfe. Keinen Stop-Knopf, keine zwei Junk-Knöpfe. All das lenkt ab vom Wesentlichen – meinen E-Mails. Wer auf einem Netbook zum ersten Mal Evolution startet, wird verstehen, was ich meine. Um überhaupt einigermaßen Arbeiten zu können, musste ich die Statusleitse am unteren Fensterrand und die Iconbeschriftungen abschalten.
Zum Kalendermodul. Auch hier finde ich die Optik ziemlich misslungen. Ich bin ein Fan der Monatsansicht. Jeder Tag wird durch ein quadratisches Kästchen repräsentiert. Schön und gut. Aber warum stellt Evolution in der linken Spalte den aktuellen Monat ein zweites Mal dar (?) – und warum ist diese Monatsansicht komplett blau eingefärbt? Das ist Platzverschwendung. Das ebenfalls unnötige Verwirrung durch ein Überangebot/Doppelangebot. Apropos Überangebot. Im Kalendermodul gibt es auch noch eine dritte Spalte. Visual Overkill. In dieser Spalte finden sich Tasks und Memos. Diese beiden Funktionen kann man zusätzlich auch noch unten links über den Switcher auswählen. Völlig unnötig – gerade vor dem Hintergrund, dass ich diese Funktionalitäten nie nutze.
Das Adressbuch von Evolution sieht im Vergleich dazu recht aufgeräumt aus. In dieser Evolution-Komponente steht dem Hauptinhalt (Adressen) viel Raum zur Verfügung. In der Werkzeugleiste gibt’s nur fünf Symbole und die linke Spalte dient nur dem Ein- und Ausblendden von Kalendern. Der zweite Blick: Die Adressansicht im Hauptfenster ist ziemlich unbrauchbar. Die Visitenkärtchen sind zu klein. Man kann Telefonnummern nicht lesen, weil der Platz nur für die Vorwahl reicht. Das kann man ändern, indem man versucht die Spaltenbreite anzupassen. Der Nachteil: Man sieht weniger Namen auf einen Blick. Wirklich übersichtlich sind die Adressbücher, die zwei Spalten haben. Eine Spalte mit einer simplen Namensliste und eine Spalte mit detaillierten Kontaktinfos eine ausgewählten Kontakts. Die Karten-Ansicht von Evolution ist der gescheiterte Versuch Übersichtlichkeit und Kontakt-Details in einer Spalte zusammen zu führen.
Eigentlich gäbe es an dieser noch einiges hinzu zu fügen. Warum um alles in der Welt scollt das Adressbuch horizontal! Aber lassen wir das. Die angeführten Argumente sollten als Begründung für die Suche nach einem Evolution-Ersatz genügen. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, das Evolution ein paar Dinge sehr gut macht. Mir gefällt die umfassende Integration in die GNOME Umgebung. Hier eine kleine Aufzählung. Geburtstage aus dem Adressbuch werden automatisch in einen Geburtstagskalender eingetragen. Der Indexer der Desktopsuche erfasst auch alle Evolution-Mails. Der kleine Kalender im GNOME Panel am oberen Bildschirmrand zeigt Termine an. Für Kalender und Adressen ist Evolution im Grunde nur ein grphische Benutzeroberfläche. Im Hintergrund läuft ein eigener Prozess: Der Evolution Data Server. Der stellt Kalender- und Adress-Informationen auch anderen Programmen zu Verfügung. Ich bin ein Fan von zentralen Daten Diensten in Betriebssystemen. Es ist doch völlig uneffektiv, wenn jedes Programm sein eigenes Adressbuch mitbringt!
Im Sinne einer elegenten Systemkonfiguration würde ich gerne ein E-Mail Programm finden, dass eine bessere Benutzeroberfläche hat als Evolution und sich dennoch GNOME-konform verhält. Im Grunde also ein neues Frontend für den Evolution Data Server. Die drei E-Mail Programme, die ich mir angesehen habe, erfüllen diese Vorgabe nicht. Mozilla Thunderbird, Balsa, Claws Mail. Keines der Programme nutzt den zentralen Daten Server. Das ist enttäuschend. Balsa verbindet sich zwar theoretisch mit einem GnomeCard Adressbuch. GnomeCard scheint mir aber kein gängiges Format zu sein. Ich habe in der GNOME-Dokumentationsbibliothek jedenfalls keinen Hinweis auf GnomeCard finden können.
Balsa ist ein echtes GNOME-Programm. Die GNOME Human Interface Guidelines sehen keine kombinierten Werkzeugleisten vor. Der Epiphany-Browser beispielsweise verschenkt den wertvollen Platz auf dem Bildschirm, indem er Werkzeuleiste und Adressleiste voneinander trennt. Balsa verschwendet Pixel, indem es die Sucheingabe in einer Extraleiste verortet. Die erste E-Mail bekommt bei Balsa man ab Pixel 125 zu lesen. Die Mozilla Guidelines erlauben kombinierte Leisten. Die Thunderbird GUI ist daher deutlich schlanker. Hier beginnt die erste E-Mail bei Pixel 85. Claws Mail - ein weiteres beliebtes GTK+ Programm für Linux ist mit 95 Pixel für Menü- und Werkzeugleiste in der Einstellung „Icons only“ auch ganz gut dabei. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Tatsache, dass die feste Suchfeld-Leiste unter der Liste mit den E-Mails steht. Diese Leiste ist übrigens 45 Pixel dick. Platzverschwendung. Warum ist das Suchfeld nicht Teil der Werkzeugleiste? In Balsa und Thunderbird lassen sich die Icons in der Werkzeugleiste anpassen – in Claws Mail nicht. Das ist kein Problem. Die Werkzeugleisten in Claws Mail wirken aufgeräumt und sind gut strukturiert. Man findet die jede Funktion mit einem Blick. Kein Vergleich zu Evolution mit seinen festen zwölf Icons in der E-Mail Ansicht!
Den größten Platz in einen User Interface eines E-Mail Programms sollten in der Regel die E-Mails selber einnehmen. In der Darstellung des Hauptinhalts hat sich in den vergangenen Jahren eine Standardansicht durchgesetzt: Eine Spalte links mit der E-Mail Ordnerstruktur und eine zweite Hauptspalte mit Listenansicht und E-Mail Vorschau. Alle vier Programme bieten zwar auch zusätzliche Ansichtsoptionen an. Ich bin mit der klassischen Ansicht aber völlig zufrieden. Für mich muss ein E-Mail Programm nicht viel können: Empfangen, Lesen, Senden, Automatisches Verschieben von E-Mails in Unterorder – achja einen Spamfilter brauche ich natürlich auch. Balsa hat keinen. Ein Ausschlusskriterium.
Alle drei Evolution Konkurrenten haben ein eigenes Adressbuch. In Thunderbird ist das ein eigenes Programm. Das hat den Vorteil – man kann es getrennt aufrufen („thunderbird -addressbook“). Das Balsa-Adressbuch speichert nur Name, Organisation und E-Mail Adresse. In meinem bisherigen MacOS X Adressbuch habe ich aber auch Telefonnummern, Postadressen und Geburtstage gespeichert. Die Balsa Kontaktverwaltung ist kein ernstzunehmender Konkurrent. In Claws Mail hingegen kann man über die Option „Other Attributes“ zusätzliche Informationen an einen Kontakt anhängen. Theoretisch kann man hier per Hand neue Felder anlegen. Das muss man aber für jeden Eintrag wiederholen. Viel zu umständlich. Sowohl Balsa, als auch Claws Mail haben in Ihren Adressbüchern keine Kontaktvorschau. Es gibt jeweils nur die Listenansicht. Im Grunde ist einzig das Thunderbird Adressbuch wirklich benutzbar.
Fazit: Evolution, das Standard E-Mail Programm unter Ubuntu Linux, ist sicher für jeden, der von MacOS X zu Ubuntu wechselt, eine herbe Enttäuschung. Mozilla Thunderbird kann die Kombination Apple Mail und MacOS X Address Book aber in der Praxis ganz gut ersetzen. Eine mit den Apple Produkten vergleichbar enge Integration in das Betriebssystem könnte eine Anbindung von Thunderbird an den Evolution Data Server bringen. Hier abstimmen! Um die Kalenderkomponente von Evolution beziehungsweise um einen Ersatz für Apple iCal kümmere ich mich in einem der kommenden Beiträge.
Schlagworte: Apple, Apple Mail, Balsa, Claws Mail, Evolution, Evolution Data Server, Linux, MacOS X, Mozilla Thunderbird, Ubuntu







