Räumliche Dateiverwaltung. So in der Art muss man wohl Spatial File Management übersetzen. Den Begriff habe ich 2003 zum ersten Mal gelesen – in einem Artikel von John Siracusa. Siracusa beklagte damals den Wegfall der bisherigen Methode Dateien und Ordner im Mac Finder darzustellen. Bis einschließlich MacOS 9 wurde jeder Ordner durch jeweils ein eigenes Fenster repräsentiert. Der Dokumenten-Ordner zum Beispiel wurde immer in derselben Größe und immer an derselben Stelle geöffnet. Ein ganz einleuchtendes Konzept. Der einzige Nachteil war, dass jeder Doppelklick auf einen Ordner die Anzahl der offenen Fenster auf dem Desktop erhöhte. Mit MacOS X führte Apple im Finder dann die Spaltenansicht ein, die ich zugegebenermaßen zunächst sehr schätzte.
Jetzt war es möglich innerhalb eines Fensters durch den gesamten Dateibaum zu navigieren. Der Schreibtisch war plötzlich sehr aufgeräumt. Mir gefiel das gut. Doch genauer betrachtet hatte die neue Nutzerführung im Finder hatte einfach ein Konzept aus der DOS-Ära neu aufgelegt. Das Dateibrowsen. Wer sich erinnert: Der Norton Commander (NC) konnte bereits 1986 das gesamte Dateisystem in nur einem „Fenster“ browsen. Das Konzept funktioniert gut. Darum und dank zahlreicher Klone hat der NC auch heute noch eine große Anhängerschaft.
Der MacOS X Finder versucht die beiden Navigationsprinzipien Dateibrowser und Räumliches Dateimanagement zu vereinigen. Leider hat Apple das schlecht umgesetzt. Auch im Spatial-Mode (Option Ordner immer in neuem Fenster öffnen) ist es möglich ein Fenster zweimal zu öffnen. Man kann zudem dieses eine Fenster sogar in zwei Ansichten gleichzeitig öffnen (siehe Screenshot oben). Eine Katastrophe. Kein Wunder, dass es dem Finder seit Jahren schwer fällt sich Ordneransicht, Fenstergröße und Position zu merken.
Wer sich für das Konzept „Räumliche Dateiverwaltung“ interessiert, stößt auch schnell auf den Beitrag „The future direction of the Nautilus UI“ aus dem Jahr 2002. Hier regt Alexander Larsson für den Gnome Dateimanager Nautilus einen Spatial-Modus zu programmieren. Tatsächlich hat die Gnome-Community das Spatial File Management ganz hervorragend umgesetzt. Colin Charles erklärt das ganze bildreich in „The Spatial Way„.
Ich war sehr neugierig auf diese Funktion. Und so war Spatial File Management auch das erste, was ich im Zuge meines Wechsels zu Ubuntu aktiviert habe. In den „File Management Preferences“ von Nautilus muss man dazu unter „Behavior“ den Haken bei „Always open in browser windows“ wegnehmen. Räumliches Dateimanagement bedeutet auch: Papierkorb und Festplatte sollten als Symbole auf dem Schreibtisch liegen. Nur so hat man den pseudophysischen Bezug zu seiner Dateiablage. Diese Funktion musste ich noch mit dem Gnome Configuration Editor aktivieren. Den startet man über die Kommandozeile im Terminal: gconf-editor. Die Icons auf dem Desktop aktiviert man unter \apps\nautilus\desktop.
Meine ersten Eindrücke nach einer Woche mit dem Nautilus Dateimanager: Ich bin sehr zufrieden. Das Konzept „Räumliche Dateiverwaltung“ ist sauber umgesetzt. Jedes Fenster kennt seine Position, seine Größe und seinen Darstellungsmodus. Es ist nicht möglich ein Fenster zweimal zu öffnen. Und wenn ich mal einen Dateibrowser brauche, dann kann ich den mit der rechten Maustaste aufrufen – „Browse Folder“. Schönes Detail: Man kann jedem Fenster auch einen eigenen farblichen Hintergrund geben. Das verbessert die Erkennbarkeit. Bislang hat sich die Anzahl an offenen Fenstern auf dem Desktop noch in Grenzen gehalten. Das hat mich zunächst gewundert. Aufgrund meiner Erfahrungen mit dem alten MacOS 9 hatte etwas anderes erwartet. Vielleicht liegt das daran, dass Desktop-Suchen (Spotlight und Co.) signifikant besser geworden sind. Früher klickte ich mich suchend durch meine Ordner, wenn ich vergessen hatte, wo eine Datei liegt. Jetzt nutze ich die Desktop Suche.
Schlagworte: Finder, Nautilus, Spatial File Management




Januar 7, 2009 um 9:49
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